„Seh nichts – Hör nichts“ ist der erste Teil einer Trilogie, die sich mit der modernen Kunst des Wegfilterns beschäftigt — einer Kunst, die wir alle unbewusst meistern. Das 60×85 cm große Acrylgemälde, partiell überzogen mit glänzendem Epoxidharz, zeigt eine zentrale weibliche Figur: elegant, kühl, fast futuristisch.
Eine überdimensionierte, weiß-rote undurchsichtige Brille versperrt ihr jegliche Sicht. Die runden Kopfhörermuscheln rahmen ihr Gesicht so dominant ein, dass sie die Illusion eines persönlichen Schutzschildes erzeugen.
Rund um sie: prächtige, fast schillernd übersteuerte Goldfische, deren Schuppen wie vibrierende Pixel wirken — ein bewusster Kontrast zwischen lebendigem Chaos und kontrollierter Selbstabschottung.
Die symbolische Ebene – Warum Goldfische?
Goldfische haben ein faszinierendes Paradox:
Sie gelten als Tiere mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne — und genau so funktioniert heute unser Medienkonsum.
Alles blinkt, poppt, rauscht.
Wir sehen „alles“ und gleichzeitig „nichts“.
Wir hören „alles“ und gleichzeitig „nichts“.
Die goldenen Fische umkreisen die Figur wie Gedankenblasen unserer Zeit:
Benachrichtigungen, Reize, Erwartungen, Meinungen, Bewertungen.
Ein Kaleidoskop, das man irgendwann nur noch mit Filtern erträgt.
Die Figur – ein Spiegel unserer Gegenwart
Die Frau wirkt selbstbewusst, makellos; ein glatter roter Rollkragen umarmt ihren Hals, als würde er sie festhalten — oder stützen.
Ihr Lippenrot ist elegant, doch auch streng.
Und trotzdem:
Sie sieht nichts. Sie hört nichts. Aber sie schweigt nicht.
Sie IST – inmitten des Lärms.
Das Epoxidharz lässt einzelne Partien hochglänzend herausstechen, als würde die Oberfläche sagen:
„Hier, genau hier, wird es dir zu viel — und genau deshalb brauchst du mich.“
Das philosophische Fundament
Dieses Bild ist kein Kommentar über Ignoranz. Es ist ein Kommentar über Selbstschutz. Über den Versuch, die Welt in Dosen zu konsumieren, die wir gerade bewältigen können.
Wir leben in einer Zeit, in der wir ständig „ON“ sein sollen — sichtbar, informiert, erreichbar, optimiert.
Doch die Wahrheit ist:
Unser Nervensystem hat andere Pläne.
„Seh nichts – Hör nichts“ erzählt von der stillen Sehnsucht nach einem klaren Moment. Nach einer Pause.
Nach der Erlaubnis, nicht alles aufnehmen zu müssen — und trotzdem vollständig zu sein.
Ein humorvoller Seitenblick
Vielleicht wirkt die Figur so cool, weil sie etwas verstanden hat, was wir oft vergessen:
Manchmal ist das Beste, was wir tun können, die Brille abzunehmen — und manchmal ist es das Beste, sie ON zu lassen.
Es ist kein Rückzug. Es ist ein Upgrade der eigenen Wahrnehmung.
Painpoints der Gegenwart – subtil, aber präzise eingebunden
Reizüberflutung: Die Goldfische als Sinnbild der ständigen Notifications.
Selbstoptimierung: Die elegante Pose, die glatte Haut — Perfektion, die Druck macht.
Abgrenzung: Die Kopfhörer als modernes „Ich brauche jetzt kurz Raum“.
Authentizität vs. Inszenierung: Der glamouröse Look als Maske — nicht falsch, nur funktional.
Selbstfürsorge: Das bewusste Abschalten als Akt von Mut, nicht Schwäche.
Kunsttheoretisch relevant
Die Kombination aus starker Farbigkeit, fließenden impulsiven Pinselstrichen und den glänzenden Harzbereichen erzeugt einen Spannungsbogen zwischen Pop-Art-Anmutung, zeitgenössischer Figuration, und fast schon surrealistischer Symbolik.
Dieser Kontrast macht das Werk sammelwürdig — nicht wegen der Ästhetik allein, sondern wegen der geistigen Ebene, die erst beim zweiten oder dritten Blick aufbricht.
Warum dieses Bild „gebraucht“ wird
„Seh nichts – Hör nichts“ ist ein Statement-Piece. Ein Ankerpunkt.
Ein visuell kraftvoller Reminder, dass wir das Recht haben: Grenzen zu setzen, Reize zu dosieren, unsere eigene Frequenz zu wählen.
Es ist ein Kunstwerk, das Räume nicht nur dekoriert, sondern ordnet.
Als würde es sagen:
„Du darfst Prioritäten setzen. Deine Wahrnehmung gehört dir.“
Es berührt, weil es alltägliche Überforderung in Schönheit verwandelt.
Es beruhigt, weil es uns zeigt, dass Schutz nichts mit Schwäche zu tun hat.
Es glänzt — im wahrsten Sinne — weil es uns auffordert, wieder klarer zu sehen, sobald wir bereit sind.